Ich kann es kaum fassen, dass ich tatsächlich mein Staatsexamen gemacht habe. Wow, hätte man mich noch vor zwei Jahren gefragt, ob ich mir das zutraue, hätte ich nur wild den Kopf geschüttelt. Ich wusste zwar, dass der Tag irgendwann kommen würde, unweigerlich kommen musste, aber trotzdem war es irgendwie unwirklich.
Die ganze Prüfungsvorbereitungsphase, die knapp ein Jahr anhielt, kam mir irgendwie unwirklich vor. Manchmal wusste ich nicht genau, wo mir der Kopf stand; es kam mir vor, wie ein Wettlauf gegen die Uhr, eine "Challenge", in der es primär darum zu gehen schien, wieviel Wissen ich innerhalb kürzester Zeit auswendig lernen kann. Ich verabscheue diese Art von Prüfungen.
Nicht nur, dass sie kaum etwas aussagen über mein tatsächliches Wissen oder Können, sie stehen meiner Meinung nach auch im völligen Gegensatz zu dem Leitspruch, mit dem die Universität wirbt: "Dem lebendigen Geiste". Wenn ich sage, dass ich mich 2016 wie tot gefühlt habe, dann ist das keinesfalls eine laxe Übertreibung. 2016 habe ich nicht gelebt. Ich habe existiert, und schließlich funktioniert.
Ich wusste, dass das Doppelexamen kein Spaziergang werden würde, habe frühzeitig mit der Vorbereitung angefangen, mich über alles informiert, wollte nichts dem Zufall überlassen und trotzdem hatte ich ständig das Gefühl, hinterher zu sein. Ich hatte die Wochen von April bis Oktober akribisch durchgeplant: Lesephasen, Lernphasen, Übungsphasen, Wiederholungsphasen. Erholungsphasen? Am Anfang habe ich noch versucht, mir die Wochenenden zur Erholung freizuhalten. Aber im Juni, 8 Wochen vor den schriftlichen Prüfungen, war auch das nicht mehr möglich. Die nächsten Monate befand ich mich wie im Dämmerzustand, zwischen vollgepackten Tagen, schlaflosen Nächten. Im Nacken stets die näher rückenden Prüfungstermine und einen Berg an Lernstoff, der eher zu wachsen als zu schrumpfen schien. Dazu kam noch all dieser organisatorische, bürokratische Kram: Das Erstellen der Literaturlisten für die mündlichen Prüfungen, Sprechstunden. Ich hastete von einem Termin zum anderen. Mit 100 Sachen auf spiegelglatter Fahrbahn: Jetzt bloß nicht bremsen, sonst verlierst du die Kontrolle!
Ich habe nicht gebremst, aber es war oft knapp. Ins Schleudern kam ich dennoch...
Über mein "Doppelexamen-Trauma" möchte ich hier jedoch nicht berichten - zumindest noch nicht. Im Moment fällt es mir noch schwer, darüber zu reden. Aber ich möchte meine Erfahrungen früher oder später hier auf meinem Blog teilen, weil ich glaube, dass es wichtig ist, darüber zu reden.
Als ich dann im Februar 2017 mein Abschlusszeugnis in Händen hielt, kam mir alles noch sehr surreal vor, in gewisser Weise, wie ein schlechter Traum. Auch jetzt, drei Monate nach der letzten Prüfung hat sich an diesem Gefühl nicht viel geändert. Wenn ich nicht diesen lieblos bedruckten Zettel hätte, der mir attestiert, dass ich tatsächlich mein Doppelexamen gemacht habe, würde ich es nicht glauben. Stolz? Nicht wirklich. Das einzige Gefühl, das mich seit meinem Abschluss immer wieder heimsucht, ist das der Leere.
Ich bin müde, erschöpft, brauche eine Pause. Dazu gesellt sich diese Angst vor der Zukunft, vor dem, was jetzt kommt ... oder nicht kommt. Ich befinde mich an einem Scheideweg, hänge in der Schwebe, und es fällt mir schwer, die Dinge mal einfach auf mich zukommen zu lassen. Alles, was ich mir das vergangene Jahr gewünscht hatte, war Freiheit, und nun, da der Zeitpunkt endlich gekommen ist, wird mir klar, wie relativ diese lang ersehnte Freiheit doch ist.
Ich glaube, das Leben ist ein wilder Fluss; wer immerzu panisch strampelt und rudert, der ertrinkt früher oder später. Die Kunst ist es, sich ab und an ein kleines Stück auf der Strömung treiben zu lassen.
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